Nordkette ohne Auto: Vom Bodensee auf den Gipfelgrat
„Was ist das für ein Gefühl, wenn man nach unendlicher Mühe, nach unsäglichen Strapazen ... endlich oben steht?" — Hermann Buhl
Zugticket statt Tankrechnung, Fahrplan statt Stau. Was nach dem Manifest eines Verkehrs-Aktivisten klingt, ist in Wahrheit gelebte Bergsteiger-Philosophie. Die großen Berge in der Frühzeit des Alpinismus sind doch auch mit Fahrrad und oder Bahn erreicht worden. Es ist der Beweis, dass große Alpintouren kein eigenes Auto brauchen und es heutzutage superbequem ist so die Berge zu erreichen. Daher … Zug, eine Nacht in Innsbruck, ein früher Bus zur Hungerburg und ein Klettersteig, der direkt in den Himmel über Tirol führt.
Morgengrauen über Innsbruck
06:15 Uhr, IVB Linie 6. Der Bus ist fast gespenstisch leer. Nur ein paar verschlafene Gesichter auf dem Weg zur Frühschicht und ich. Draußen erwacht Innsbruck träge, ein Netz aus Lichtern, das langsam verblasst, während die scharfen Kanten der Nordkette bereits im ersten Alpenglühen stehen. Als Innsbrucker kenne ich diese Kulisse, doch heute fühlt es sich anders an: keine Parkplatzsuche im Kopf, keine Spritkosten, keine komplexe Rückfahrt-Logistik. Nur der reine Fokus auf die Tour, auf den Fels, der vor mir liegt.
An der Hungerburg schlägt einem der Duft von feuchtem Bergwald und kühlem Morgentau entgegen. Der Aufstieg zur Hafelekarspitze ist ein solides Warm-up durch Bergwald, Latschenkiefern und später über Geröllfelder. Die Beine wachen auf, der Kopf wird frei. Vom Bodensee bis hierher waren es knappe 200 Kilometer, aber gefühlt bereits eine andere Welt.


Hafelekar: Am Startpunkt der Vertikalen
Oben angekommen, mit einem fast surrealen Blick ins Karwendel, ist der Plan klar: der Innsbrucker Klettersteig bis zum Langen Sattel. Die Route zieht sich als logische Linie durch steile Wände und über luftige Grate. Technisch nicht extrem, aber mit genug Exposition, um Demut zu lehren. Das Drahtseil ist kalt in den Händen, das Gestein griffig unter den Sohlen und die Aussicht ins Inntal auf der einen und das Karwendel auf der anderen ist einfach nur atemberaubend.
Doch etwas ist seltsam. Ein feiner, fast unwirklicher Schleier trübt den Horizont. Kein Nebel, keine Wolken. Es ist der Rauch kanadischer Waldbrände, der es über den Atlantik bis nach Europa geschafft hat. Ein surrealer Moment der Verbundenheit: Hier stehe ich in den Tiroler Alpen und atme Luft, die vor Wochen noch über brennenden Wäldern in Nordamerika hing. Die Welt ist kleiner und fragiler, als man von hier oben glauben mag.


Meter für Meter durch den Fels
Der Nordketten Klettersteig ist ehrlich. Er schmeichelt einem nicht mit künstlichen Hilfen oder unnötigen Umwegen. Er ist eine funktionale, direkte und zutiefst befriedigende Linie über den Grat der Nordkette. Jeder Griff sitzt, jeder Tritt ist kalkuliert. Das ist Alpinismus ohne Getue.
Stundenlang führt die Route durch wechselndes Terrain. Steile Aufschwünge, luftige Querungen und schmale Felsbänder, auf denen jeder Schritt bewusst gesetzt wird. Bis zum Langen Sattel sind es rund 700 Höhenmeter – genug, um sich die Belohnung am Ende redlich zu verdienen. Mein Highlight sicher einer der schönsten Frühstücksplätze Innsbrucks (ist ja auch Stadtgebiet, der Gipfel des Kemachers, des letzten Gipfels auf meiner Tour).


Abstieg zur Höttinger Alm: Der Realitätscheck
Der Rückweg über die Höttinger Alm ist das perfekte Kontrastprogramm. Weiche Almwiesen statt hartem Fels, das Geläut von Kuhglocken, Trailrunner auf dem Weg zur Seegrube. Die Beine sind inzwischen müde, aber es ist eine zufriedene, gute Müdigkeit. Hier zeigt sich der größte Vorteil der autofreien Anreise: Man kann sich vollkommen auf die Tour und den Moment einlassen, ohne einen Gedanken an den Heimweg verschwenden zu müssen. Der Berg gibt den Rhythmus vor, nicht der Parkschein oder der Gedanke noch ein Auto durch den Verkehr lenken zu müssen.
Der Abstieg zieht sich, aber das gehört dazu. Bergsteigen bedeutet auch, sich die Zeit zu nehmen, die man braucht.
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Innsbruck: Belohnung in zwei Kugeln
Mit der Linie 6 wieder zurück ins Stadtzenturm. Zurück im Trubel der Maria Theresien Straße wartet mein Ritual: zwei Kugeln Eis bei Tomaselli. Diesmal Pistazie und Zitrone – die unschlagbare Kombination aus cremig und frisch. Während das Eis in der Nachmittagssonne schmilzt, läuft der Tag noch einmal vor dem inneren Auge ab. Von der Busfahrt am Morgen über die rauchverhangene Fernsicht auf der Nordkette bis zu den grünen Almwiesen am Nachmittag.
Das Fazit ist simpel: Diese Tour funktioniert nicht nur ohne Auto – sie ist ohne Auto besser. Die Anreise war entspannt, die Tour selbst frei von logistischem Ballast und die Rückfahrt unkompliziert.


Die neue alpine Mobilität
Diese Tour beweist: Nachhaltiges Bergsteigen ist kein Widerspruch, sondern eine Chance. Wo die Infrastruktur stimmt - und das tut sie in Innsbruck vorbildlich - werden spektakuläre Bergerlebnisse für jeden erreichbar. Der Verzicht auf das Auto wird zum Gewinn: mehr Fokus auf das Wesentliche, weniger Stress drumherum.
Manchmal braucht es für die größten Abenteuer kein volles Tank- und Kofferraumvolumen. Manchmal reicht ein Busticket und die Bereitschaft, den Wecker früh zu stellen.
Praktische Infos
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Anreise: Mit dem Zug nach Innsbruck. Vom Hauptbahnhof in die Museumstraße und dann mit der Buslinie 6 zur Hungerburg (fährt regelmäßig ab ca. 06:00 Uhr).
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Route: Hungerburg - Bergstation Hafelekar - Innsbrucker Klettersteig (2.334 m) - Langer Sattel - Höttinger Alm- Hungerburg.
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Dauer: 6–8 Stunden Gesamtzeit.
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Schwierigkeit: Klettersteig B/C. Alpine Erfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind Voraussetzung.
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Besonderheit: Die gesamte Tour ist lückenlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln durchführbar und kann ohne Probleme mit der Nordkettenbahn auch deutlich in Höhenmeter reduziert werden.
Text und Fotos von Manni Meindl